Die Befreiung der Wirtschaft vom Marktzwang – ein neues Nash-Gleichgewicht
Die drei großen Herausforderungen:
- geopolitische Eskalationen
- gesellschaftliche Polarisierung
- ungebremste Erderwärmung
Gleichzeitig verändert eine beispiellose technologische Revolution unsere Wirtschaft grundlegend. Künstliche Intelligenz, Robotik und digitale Vernetzung setzen sich rasant durch.
Leider sind wir nicht in der Lage, diesen Fortschritt für die Lösung unserer globalen Probleme einzusetzen. Die Politik ist nicht unwillig – sie ist gefangen in der Verwertungslogik.
Nash-Gleichgewicht der Wirtschaft verhindert Reform
Unsere heutige Marktwirtschaft befindet sich in einem extrem stabilen spieltheoretischen Nash-Gleichgewicht. Es ist durch eine Energiestufe auf sehr hohem Niveau geprägt.
Jeder Akteur ist systemisch gezwungen, seinen Ressourcen- und Energiedurchsatz zu steigern, um Schulden, Löhne und Steuern zu bedienen – obwohl wir seit mindestens 50 Jahren von der destruktiven Kraft dieses Wachstumszwangs wissen und die Auswirkungen inzwischen deutlich spüren.
Die Spieltheorie beweist, dass ein unilateraler Ausstieg einzelner Unternehmen oder Staaten unweigerlich zu deren ökonomischem Ruin führen würde.
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Um die Herausforderungen der Zukunft beherrschen zu können, müssten wir unsere Wirtschaft global und synchron auf ein neues, energetisch niedrigeres, stabiles Nash-Niveau bringen.
Es gibt aus gutem Grund keine wissenschaftlich belastbaren Untersuchungen über die exakte Größenordnung der heutigen globalen Überschussproduktion. Da der berühmte Ökonom John Maynard Keynes jedoch für die heutige Zeit aufgrund des technologischen Fortschritts eine 15-Stunden-Woche voraussagte, wir aber real meist über 30 Stunden arbeiten, können wir davon ausgehen, dass dieses neue physisch notwendige Energieniveau bei etwa 50 Prozent des heutigen liegen würde.
Erreichen wir dieses niedrigere Energieniveau, würde der globale Ressourcenverbrauch drastisch sinken. Der gigantische CO2-Ausstoß, der heute durch wettbewerbsgetriebene Überproduktion erzwungen wird und die Erderwärmung antreibt, könnte endlich strukturell gestoppt werden.
Wie erreichen wir das neue Nash-Niveau?
Die verzögerte Informationsfunktion von marktwirtschaftlichen Preisen ist im Zeitalter der globalen digitalen Vernetzung faktisch nicht mehr erforderlich.
Dennoch fällt es uns schwer, die Tragweite dieser informationstechnologischen Möglichkeit zu erfassen – der gedankliche Diskurs bricht oft unweigerlich ab, sobald die Überflüssigkeit des Marktes und der Preise zur Sprache kommt.
Um diesen blinden Fleck zu überwinden, müssen wir unsere heutige Sichtweise auf historische ökonomische Annahmen grundlegend überdenken:
1. Anatomie der Preise
Natur schreibt keine Rechnungen. Natürliche Ressourcen, biologische Prozesse und planetare Senken haben keinen intrinsischen, von der Natur festgelegten Preis. Preise sind rein gesellschaftliche Konstrukte zur Verwaltung künstlicher und physischer Knappheit.
Betrachtet man die Anatomie der systemischen Kosten, so bestehen diese in letzter Instanz fast ausschließlich aus den Reproduktionskosten der menschlichen Akteure: Löhne für die geleistete Arbeit und Kapitalkosten für Maschinen (welche wiederum das Resultat vorgelagerter menschlicher Arbeit und Ressourcenentwicklung sind). Der Preis einer Ware spiegelt also nicht ihren objektiven physischen Wert wider, sondern summiert die monetären Kosten auf, die nötig sind, um die Menschen im System am Leben zu erhalten und ihre Existenz zu sichern.
2. Null-Grenzkosten/Lebensunterhalt
In der spätlibertären Marktwirtschaft müssen diese Kosten zwingend in Geld abgebildet werden, damit die Menschen ihren Lebensunterhalt auf dem Markt einkaufen können. Löhne und Profite sind der monetäre Umweg zur existenziellen Absicherung. Alles, was über die reine Grundversorgung hinausgeht, ist der systemisch erzwungene Versuch, sich gegen zukünftige Risiken abzusichern – oft getrieben von spekulativer Kapitalakkumulation.
Würde der Lebensunterhalt jedoch dauerhaft und bedingungslos durch eine direkte, kybernetische Allokation physisch gesichert, würde die Notwendigkeit dieses monetären Kostenaufschlags vollständig entfallen. Wenn die Menschen nicht mehr gezwungen sind, Einkommen zu erzielen, um zu überleben, sinken die systemischen Produktionskosten faktisch auf null. Die Wirtschaft wird befreit vom Zwang, fiktive Preise erwirtschaften zu müssen.
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Das neue niedrigenergetische Nash-Gleichgewicht
Unter der Annahme, dass der Lebensunterhalt kostenlos erhältlich wäre, müssten keine Löhne und Gewinne mehr erwirtschaftet werden. Da in diesem Falle die Produktionskosten auf Null sinken, könnten auch die Endprodukte kostenlos abgegeben werden. Dadurch ergibt sich sofort ein neues, in sich stabiles Nash-Gleichgewicht, welches energetisch auf einer signifikant niedrigeren Stufe liegt.
Es ist deshalb stabil, weil kein Akteur ein Interesse daran hätte, für ein Produkt oder eine Leistung etwas zu bezahlen.
Die Mechanik des Übergangs
Der Übergang kann unabhängig von der Gesetzgebung, ohne planwirtschaftliches Eingreifen oder Enteignungen einfach initiiert werden, indem alle Unternehmen kraft ihrer unternehmerischen Freiheit gleichzeitig beginnen, ihre Waren kostenlos abzugeben. Ihr Anreiz ist die Befreiung von Marktzwängen, die sie derzeit daran hindern, ihre naturgemäße Aufgabe – die optimale Versorgung der Menschen unter Beachtung der Erhaltung der natürlichen Grundlagen – zu erfüllen.
An der physischen Produktion selbst muss sich im Moment des Übergangs nichts ändern, da die Wirtschaft auf langfristigen und eingespielten Lieferverträgen beruht, die damit nicht physisch berührt werden. Sobald der Wachstumszwang entfällt, entwickelt sich die Wirtschaft ganz von allein in Richtung Nachhaltigkeit.
Da menschliche Arbeitskraft nicht länger ein Kostenfaktor ist, der aus Profitgründen minimiert werden muss, ist der Weg endlich frei, Güter konsequent auf Langlebigkeit, Reparierbarkeit und eine vollständige Kreislaufwirtschaft auszulegen. Ressourcen werden massiv geschont, die Umweltbelastung sinkt drastisch.
Da die Menschen vom wachstumsbedingten Konsumzwang befreit werden, nehmen sie nur noch, was sie für ihren individuellen Lebensunterhalt wirklich benötigen.
Dadurch gibt es kein Gefühl des Verzichts.
Zur Beachtung:
Es geht nicht darum, den Tausch gegen Naturalien wieder einzuführen!
Es geht um eine ganz neue Logik des Nehmens und Gebens.
Am täglichen Leben ändert sich nichts. Wir gehen wie gewohnt zur Arbeit. Aber anstatt Lohn bekommen wir unseren gesamten Lebensunterhalt einschl. Wohnen, Mobilität, medizinische Versorgung gratis. Werbung und Kaufanreize muss es nicht mehr geben.
Die infrastrukturellen Voraussetzungen für diesen radikalen Schritt sind bereits erfüllt
Informationsgesellschaft: Die globale Vernetzung macht den Markt als Informationsfunktion überflüssig und ermöglicht eine bedarfsgesteuerte On-Demand-Produktion, unterstützt durch dezentrale und demokratisch kontrollierte KI.
Sicherheit durch Überfluss: Wir produzieren ausreichend Überschuss, um das Risiko von Störungen beim Übergang abzufedern. (Zur Abschätzung: Keynes prognostizierte eine 15-Stunden-Woche für die heutige Zeit. Da wir heute meist noch über 30 Stunden arbeiten, erwirtschaften wir faktisch einen Puffer von gut 100 Prozent.)
Die organisatorische Machbarkeit
Die Vorstellung einer globalen Gleichzeitigkeit wirkt auf den ersten Blick utopisch. Doch die Realität hat uns längst bewiesen, dass wir als Spezies dazu fähig sind.
Wir haben ein solches weltweit synchrones Verhalten bereits erfolgreich geübt: Im März 2020 agierte die Menschheit beim ersten globalen Lockdown innerhalb von Tagen als ein synchronisierter, globaler Organismus.
Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zu damals: 2020 wurde das synchrone Handeln durch eine existenzielle Bedrohung und schmerzhafte Einschränkungen erzwungen. Der Übergang in eine direkte Bedarfswirtschaft hingegen wird ein absolut positives, emanzipatorisches gesellschaftliches Erlebnis sein.
In dem Moment, in dem Menschen erfahren, dass ihr Lebensunterhalt bedingungslos gesichert ist, und Unternehmen erkennen, dass sie schlagartig von ihrer gesamten finanziellen Schulden- und Kostenlast befreit sind, entsteht eine unvorstellbare gesellschaftliche Erleichterung.
Diese plötzliche Befreiung von existenzieller Angst und wirtschaftlichem Überlebensdruck setzt genau jene gewaltige, positive Aktivierungsenergie frei, die für den Erfolg des Übergangs zwingend nötig ist. Die Menschen werden das System nicht ausnutzen oder ins Chaos stürzen, sondern diesen historischen Akt der Befreiung wahrscheinlich mit immenser Solidarität stützen.
Warum sollten Unternehmen diesen Schritt überhaupt gehen?
Dieser Vorschlag ändert im Kern weder die Eigentumsverhältnisse der Fabriken noch die physischen Produktionsstrukturen. Unternehmen würden weiterhin produzieren und organisieren, könnten sich jedoch endgültig vom zunehmenden Preiswettbewerb, den Renditeerwartungen der Finanzmärkte und dem zerstörerischen Wachstumsdruck befreien.
Sie könnten sich wieder ihrer historischen und eigentlichen Aufgabe widmen: Der bestmöglichen Versorgung der Menschen unter Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Was wird aus der Allokation?
Klassische Ökonomen behaupten, dass nur Geld in der Lage sei, die Allokation knapper Ressourcen effizient zu regeln. Geld bedeutet jedoch systemisch immer den Zwang zur Verwertung, der dazu führt, dass knappe Güter dorthin gehen, wo Kaufkraft vorhanden ist und nicht unbedingt dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Wenn die Produkte kostenlos sind, löst sich dieser zwanghafte Allokationsmechanismus automatisch auf und weicht einer Allokation durch menschliche Vernunft, die wir seit Jahrtausenden aus dem Care-Bereich oder der Zivilgesellschaft kennen.
Aufruf zur Diskussion
Unabhängig davon, wie radikal dieser Vorschlag auf den ersten Blick erscheinen mag, ist es zwingend notwendig, ihn als wissenschaftlich fundierte und diskutable Option zu untersuchen.
Der technologische Wandel stellt unsere traditionellen Annahmen über Arbeit, Geld und Koordination grundlegend in Frage. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt, alternative Modelle ohne ideologische Scheuklappen zu prüfen.
Viele weitere essenzielle Fragen wie:
- Wer macht die unangenehme Arbeit?
- Gibt es noch technologischen Fortschritt ohne finanziellen Wettbewerb?
- Wie gehen wir mit Luxusgütern um?
- Welche Rolle spielt der riesige Bereich der unbezahlten Care-Arbeit, der schon heute ohne Preise funktioniert?
werden im Bericht „Ein makroökonomisches Modell zur Einhaltung planetarer Grenzen jenseits von Preissignalen“ (Lesezeit ca. 1,5 Stunden)
und im kostenlosen Buch „Die einfache Wirtschaft“ (Lesezeit ca. 3 Stunden) von Eberhard Licht beantwortet.
27.09.2026
Eberhard Licht
licht at economy dot nu
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- 2Immer mehr Arbeit
- 3Warum nehmen die globalen Treibhausgasemissionen nicht ab?
- 4Heutige Technologie ermöglicht neue Chancen für die Makroökonomie
- 5Warum uns die Preise im Weg stehen
- 6Die neue Anatomie der Preise
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- 8Der Mittelstand als Motor des Wandels
- 9Was wird mit der physischen Wirtschaft?
- 10Werden wir ohne Existenzangst noch arbeiten?
- 11Was ist jetzt zu tun?
